Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Frücht

Der jüdische Friedhof in Frücht

Das kleine Dorf Frücht liegt malerisch auf den Taunushöhen oberhalb der Lahn, etwa sieben Kilometer von Bad Ems entfernt. Nördlich liegt das Schweizertal bei Miellen, südlich das Erzbachtal mit Friedrichssegen. Frücht hatte 2012 etwa 650 Einwohner und gehört zur Verbandsgemeinde Bad Ems (Rhein-Lahn-Kreis).

Heute ist Frücht vor allem als Begräbnisort des preußischen „Reformministers“ Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831) bekannt, der hier 1807 vom Kölner Bildhauer Peter Joseph Imhoff für sich und seine Eltern eine Familiengruft errichten ließ. Seine älteste Tochter, Henriette Louise Gräfin von Giech, veranlasste 1836–1843 den Bau einer neugotischen Kapelle darüber, die der Münchner Architekt Joseph Daniel Ohlmüller entwarf.

Lahntal bei Frücht, Blick Richtung Lahnstein

Der Blick von Frücht über das Lahntal Richtung Rhein

 

Geschichte von Frücht

Frücht, 1159 erstmals als „Wruhte“ urkundlich erwähnt, gehörte bis 1613 zur Grafschaft Nassau. Dann wurde es an Johann Gottfried vom Stein zu Nassau (1560-1630) verkauft, womit Frücht zusammen mit Schweighausen zur reichsunmittelbaren Herrschaft vom Stein gehörte.

Die Familie vom Stein zu Nassau baute seit dem Mittelalter ein eigenes kleines Territorium auf und hatten bereits vor 1361 Landeshoheit über das Dorf Schweighausen. Durch Kaiser Friedrich III. wurde zur Zeit von Philipp vom Stein (+1476), Amtmann zu Nassau, das Geschlecht in den Reichsfreiherrenstand erhoben. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gehörten Güter in insgesamt 50 Orten zu der Herrschaft Stein zu Nassau. Der Besitz war so umfangreich, dass die Familie zu den bedeutendsten der rheinischen Reichsritterschaft gehörte.

Die Herrschaft Stein zu Nassau war reichsunmittelbar, unterstand also keiner anderen Herrschaft sondern war direkt und unmittelbar dem Kaiser untergeben und bildete so gewissermaßen einen eigenen Zwergstaat innerhalb des sog. „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“.

Nach dem sog. „Reichsdeputationshauptschluss“, einem 1803 erlassenen Gesetz zur Entschädigung derjenigen Fürsten, die durch die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich nach der Niederlage im Zuge der Napoleonischen Kriege Besitz verloren hatten, wurden kirchliche Besitzungen säkularisiert (verstaatlicht) und kleinere weltliche Herrschaften mediatisiert, also einem Landesherren unterstellt.

Im Zuge der Mediatisierung wurde die Herrschaft vom Stein 1806 an das Herzogtum Nassau angeschlossen, dem sie bis 1866 angehörte. Frücht wurde dabei dem Amt Braubach zugeordnet. Somit war der Reichsfreiherr vom und zum Stein künftig dem Herzog von Nassau unterstellt, was zu permanenten Konflikten führte. So wurden im Januar 1809 auf einen französischen Armeebefehl hin die Güter vom Steins in Nassau durch die nassauischen Behörden beschlagnahmt, da dieser ein Feind Frankreichs und des Rheinbundes sei. 1813 wurde die Beschlagnahmung nach der Völkerschlacht bei Leipzig wieder aufgehoben und vom Stein erhielt umfassende Entschädigungen für die Aufgabe seiner hoheitlichen Rechte.

Mit dem Tod von Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein am 29.6.1831 starb das Geschlecht der Herren vom Stein aus. Erbin der privaten Besitzungen in der ehemaligen Herrschaft wurde seine Tochter Henriette Louise Gräfin von Giech.

Nach dem Deutschen Krieg 1866 fiel Nassau und damit das Gebiet der ehemaligen Herrschaft vom Stein an Preußen. 1868 wurde Nassau im Königreich Preußen mit der Freien Stadt Frankfurt und dem Kurfürstentum Hessen zur preußischen Provinz Hessen-Nassau zusammengefasst.

Der größte Teil der Provinz Hessen-Nassau wurde 1945 Teil der amerikanischen Besatzungszone. Der westliche Teil des Regierungsbezirks Wiesbaden fiel jedoch an die französische Besatzungszone; auch Frücht lag nun in der französischen Besatzungszone.

Die französische Besatzungsmacht vereinigte 1946 den nördlichen Teil ihres Gebiets, darunter die genannten nassauischen Landkreise, zum Land Rheinland-Pfalz.

Frücht

Impression aus Frücht

 

Juden in Frücht

Juden waren in Frücht mindestens seit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ansässig. 1679 wurden jüdische Einwohner in Frücht genannt; 1694 wurde das alte Isaaks-Haus in einem Dokument als „Judenhaus“ bezeichnet.

Um 1800 gab es drei jüdische Familienoberhäupter am Ort: Herz, Moses Samuel und Isaak. Alle Familien betrieben Viehhandel. Später kam noch eine Familie hinzu, die Spezereien (Gewürze und Delikatessen) und Branntwein verkaufte.

1813 wurde im sogenannten „Judenwald“ südlich von Frücht ein jüdischer Friedhof angelegt. Möglicherweise bestand der Friedhof jedoch bereits vorher und wurde 1813 erst eingefriedet.

1826 gab es in Frücht 26 jüdische Einwohner.

Um 1840 gab es an jüdischen Einrichtungen in Frücht einen Betsaal, der in einem Privathaus untergebracht war, (vermutlich) ein Ritualbad und den jüdischen Friedhof.

1841 wurden jüdische Familien gesetzlich verpflichtet, einen Familiennamen zu wählen. Die in Frücht ansässigen Juden wählten folgende Namen:

  • Die Witwe des Isaak Samuel: Morgenthal,
  • Samuel Isaak: Morgenthal,
  • Josef Samuel: Roos,
  • der Sohn dieses Samuel: Blum,
  • Moses Samuel: Rosenberg,
  • die Witwe des Löw Isaak: Strauß [Strauhs],
  • Israel Löw: Strauß [Strauhs],
  • die Kinder von Sprinz und Heskia: Hofnung
Jüdischer Friedhof Frücht - Grabstein des Semel Straus

Grabstein des Semel Strauhs (1824-18??) auf dem jüdischen Friedhof in Frücht

1843 gab es in Frücht 31, 1847 noch 26  jüdische Einwohner (= 10,5 % von insgesamt 248 Einwohnern).

1844 war Frücht Hauptort des aus Frücht, Nievern, Fachbach und Braubach bestehenden Synagogenbezirks. Es gab allerdings in Frücht keine eigene Synagoge, der Betsaal der Gemeinde befand sich vielmehr im Obergeschoss des Wohn- und Geschäftshauses der Familie Roos in der Emser Straße 8.

1852 wurde Nievern der Hauptort des Synagogenbezirks, so dass die Früchter Juden jetzt zur Gemeinde in Nievern gehörten. Dort gab es auch eine jüdische Religionsschule.

Auch Nievern verfügte über keine separate Synagoge, hier befand sich der Betraum im Obergeschoss des Hauses von Metzger Julius Mainzer in der Bahnhofstraße 25: „In Parterre befand sich links der kleine Metzgereiladen von Julius Mainzer und rechts die Küche. (…) An der linken Wand im Laden war die Treppe zum Synagogenraum. (…) war ein kleines, meist dunkles Zimmerchen von etwa 4 mal 6 Metern Größe. An der Ostseite stand ein langer Tisch, auf dem sich erhöht der Toraschrein befand, mit lila Tüchern feierlich umhüllt. Überhaupt war lila die vorherrschende Farbe im Raum. Auch die Gebetskäppchen der Männer in der Synagoge waren so gefärbt. (…)” (Quelle: Klaus-Dieter Alicke, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/1459-nievern-rheinland-pfalz; zitiert nach: Elmar Ries, Aus der jüdischen Geschichte von Nievern, S. 17).
Der Betsaal in Frücht wird ähnlich ausgesehen haben.

Als Filialgemeinde von Nievern durften in Frücht am Sabbat auch weiterhin Gottesdienste im Betsaal abgehalten werden, zumindest so lange, wie ein Minjan (zehn oder mehr religiös mündige Juden) zustande kam; später suchten die wenigen noch in Frücht verbliebenen Juden den Betsaal in Nievern auf.

1892 ging das Geschäft der Familie Roos in Konkurs; der früher im Haus befindliche Betsaal war zu dieser Zeit jedoch bereits  nicht mehr in Benutzung, da die jüdische Gemeinde in Frücht zu klein geworden war.

Lahntal bei Frücht - Blick Richtung Nievern

Der Blick vom sog. „Judenwald“ Richtung Nievern

1905 gab es in Frücht nur noch 12 jüdische Einwohner.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg waren die meisten jüdischen Einwohner vom Ort verzogen, danach lebte nur noch die Familie von Moses Roos am Ort. 1929 verließ schließlich der letzte jüdische Einwohner Frücht.

Von den in Frücht geborenen Juden sind in der NS-Zeit umgekommen:

Sofie Ermann geb. Roos – geboren am 3.7.1880 in Frücht als Tochter von Moses Roos und Karoline Grünenbaum, später wohnhaft in Veldenz (Mosel). Sofie Ermann wird am 16.10.1941 von Luxemburg bzw. Trier gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Handelsmann August Ermann (* 10.8.1880 in Veldenz) und dem Sohn Ernst Leopold Ermann (* 20.5.1920 in Veldenz) ins Ghetto Litzmannstadt (Łódź) deportiert. Insgesamt werden mit diesem Transport 331 Juden aus Luxemburg und 178 Juden aus Trier deportiert. Ort und Datum des Todes sind unbekannt. Sofie, August und Ernst Leopold Ermann werden nach dem Krieg mit Wirkung zum 8.5.1945 vom Amtsgericht Bernkastel-Kues für tot erklärt.

Adolf Aron Strauß – geboren am 31.5.1874 in Frücht, später wohnhaft in Frankfurt am Main. Adolf Aron Strauß wird am 15.9.1942 mit 1.370 anderen Menschen mit Transport XII/3 von Frankfurt am Main ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Am 28.10.1944 wird er mit 2.029 anderen Menschen mit Transport EV von dort ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sein genauer Todestag ist unbekannt.

 

Der jüdische Friedhof in Frücht

Lage:
südöstlich von Frücht im sogenannten „Judenwald“
Belegung:
1813 (evtl. früher) bis 1901
Größe:
1,5 Ar (= 150 qm)
Umfriedung:
Maschendrahtzaun; das beschädigte Holztor wurde zwischen 2006 und 2013 ersetzt
Erhaltene Gräber/Grabsteine:
Sechs Grabsteine, davon zwei zerbrochen
Wegbeschreibung:
An der Straße von Frücht nach Becheln/ Dachsenhausen befindet sich oberhalb der evangelischen Kirche auf der rechten Straßenseite eine kleine Anlage mit Schutzhütte (Station des Freiherr-vom-Stein-Pfades). Man folgt nicht dem Weg, der hinter der Schutzhütte geradeaus Richtung Wald führt, sondern dem Weg, der links von der Hütte nach halblinks wegführt. Nach ca. 100m geht rechts ein Feldweg ab, der am Wiesenrand entlang und an einer Bank vorbeiführt. Vor der Bank gelangt man über einige Steinstufen nach oben zu dem kleinen eingezäunten Friedhof.
Stand:
August 2015
Karte:

 

Bilder:

Weg zum jüdischen Friedhof in Frücht

Ein Feldweg führt zum oberhalb des Ortes gelegenen jüdischen Friedhof. Hier muss man auf den Fußweg rechts abbiegen…

 

Zugang zum jüdischen Friedhof in Frücht

…am Rand der Wiese steht eine Bank. Links davon befindet sich im Gebüsch versteckt die kleine Treppe, die zum jüdischen Friedhof führt.

 

Zugang zum jüdischen Friedhof in Frücht

Einige Steinstufen führen zum Friedhofsareal

 

Jüdischer Friedhof in Frücht

Jüdischer Friedhof in Frücht – nur wenige Grabsteine sind erhalten

 

Jüdischer Friedhof in Frücht

Alle sechs erhaltenen Grabsteine auf einen Blick

 

Jüdischer Friedhof in Frücht

Die Inschriften sind noch einigermaßen gut zu erkennen

 

Grabstein des Semel Strauhs auf dem jüdischen Friedhof in Frücht

Grabstein des Semel Strauhs, geb. 2?. Mai 1824, gest. 15. April 18?? [1891?]

 

Jüdischer Friedhof in Frücht - Grabstein mit hebräischer Inschrift

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren die Inschriften auf jüdischen Grabsteinen ausschließlich hebräisch

 

Zerbrochener Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Frücht

Zerbrochener Grabstein von Fanni Roos

 

Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Frücht

Beim Besuch eines Grabes ist es üblich, einen kleinen Stein zu hinterlassen als Zeichen, dass der Verstorbene nicht vergessen ist

 

Lahntal bei Frücht

Vom Waldrand geht der Blick über Frücht hinweg ins Lahntal

 

Quellen:

Anmerkung: alle Internetseiten abgerufen am 8. und 9.8.2015

Bildnachweis

Alle Fotos in Frücht stammen von onnola und stehen teils (bilder von Frücht und Landschaftsaufnahmen) unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0) (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/), teils (Bilder des jüdischen Friedhofs) unter der Lizenz Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0) (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/).
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