Koblenz-Pfaffendorf

Die „Schäl Seit“

Der Bäcker meines Vertrauens bietet diesen Monat (November 2015) als Spezialität „Schäl Seit“-Brot an.

Da stehe ich als Berlinerin erst einmal ratlos davor: „Schäl Seit“-Brot? Was soll das denn bitte sein?!
Ein Schäl-Brot? Ein Seiten-Brot? Ein „geschälte-Seiten-Brot“???

Die Erklärung der netten Mitarbeiterin, dass es sich dabei um ein Roggen-Dinkelbrot mit Apfelsaft von der „Schäl Seit“ handelt, hilft mir erstmal auch nicht wirklich weiter…

Was tut man in einem solchen Fall? Man fragt die „Eingeborenen“, diesmal in Form meines Nachbarn, eines Ur-Koblenzers.

„Die ‚Schäl-Seit'“ klärt er mich auf „ist die rechte Rheinseite von Koblenz. ‚Schäl‘ von ’scheel‘, also falsch und irgendwie verdächtig.“

Eine kurze Internet-Recherche ergibt: Dieser Ausdruck ist anscheinend typisch fürs Rheinland, wo man die jeweils andere Fluss-Seite und deren Bewohner abwertend je nach Dialekt als „scheel“ oder „schäl“ bezeichnet.

In Köln, Bonn und Neuss gibt es die „schäl Sick“, womit jeweils die Stadtteile der rechten Rheinseite gemeint sind. In Düsseldorf liegen hingegen die linksrheinischen Stadtteile auf der „schäl Sitt“. Im linksrheinischen Krefeld wiederum bezeichnet man die auf der rechten Rheinseite gelegenen Städte Duisburg und Düsseldorf als „schääle Sie“.

Und in Koblenz ist ebenfalls die rechte Rheinseite die „schäl (oder scheel) Seit“, vermutlich weil die Altstadt auf der linken Rheinseite liegt.

Über die Urspünge dieses Begriffes gibt es wie so oft verschiedene Theorien – bei den einen müssen die Römer und deren Christianisierung herhalten (auf der rechten Rheinseite lebten nicht-christianisierte Germanen, die den einäugigen, „scheelen“ Odin verehrten), bei den anderen sind es die angeblich beim Treideln von der Sonne geblendeten Pferde, die auf der dem Fluss zugewandten Seite Scheuklappen trugen und so das gegenüberliegende Ufer nicht sehen konnten.

Ich persönlich finde die Theorie am überzeugendsten, wonach der Begriff daher rührt, dass die jeweils so bezeichnete Rheinseite früher stärker von Hochwasser betroffen und deshalb dünner besiedelt und eher landwirtschaftlich geprägt war, woraus sich ein soziales Gefälle zu den Städtern auf der „richtigen“ Rheinseite ergab, die wiederum „scheel“ auf ihre ärmeren Nachbarn hinabblickten. Auch galten die außerhalb der Stadtmauern gelgenen Siedlungen als weniger sicher, wodurch sich die Stadtbewohner auf der richtigen, der sicheren Seite fühlten.

In Koblenz haben die rechtsrheinischen Stadtteile die Bezeichnung „schäl Seit“ inzwischen teilweise selbst für sich übernommen und verwenden sie mit einem gewissen Stolz. Die Pfaffendorfer Jecken nennen sich selbst „Schälsjer“, und das Koblenzer Streuobstwiesenprojekt auf der rechten Rheinseite heißt ebenfalls „Schäl Seit“.

Mit Unterstützung vom BUND, des Vereins Schönes Immendorf und des Klosters der Arenberger Dominikanerinnen wurde hier im Herbst 2000 der erste Apfelsaft mit eigenem Etikett („Schäl Seit“) gepresst. Auf den Streuobstwiesen werden jährlich mehrere Tonnen Äpfel gepflückt und zu Saft verarbeitet. Der Saisonschluss wird jedes Jahr mit einem großen Apfelfest gefeiert.

Und von diesem Projekt stammt nun also der Apfelsaft für das „Schäl Seit“-Brot…

Man lernt eben nie aus 🙂

Alter Obstbaum

Alter Obstbaum bei Arzheim

Koblenz Graffiti

Eine Berlinerin in Koblenz

Der durchschnittliche Koblenzer hat mit Berlinern kein Problem. Berlin ist weit weg und eigentlich nur ein Synonym für schlechte Politik (egal, wer regiert). Anders als der Münchner oder der Hamburger hat der Koblenzer keine genetisch verankerte Abneigung gegen Berlin und seine Einwohner.

Aber auch keine Ehrfurcht. Dem Koblenzer ist Berlin egal. Er sitzt gemütlich in traumhafter Landschaft, im UNESCO-Kulturerbe Mittelrheintal, umgeben von Weinbergen – was interessiert ihn Berlin?

Als Berlinerin ist das ganz entspannend, nicht dauernd mit großen Keksaugen betrachtet und mit neiderfüllter Stimme ausgefragt zu werden, welche Clubs denn gerade angesagt sind, wie man es denn anstellt, in Berlin eine Wohnung zu finden und ob ich nicht einen Job in einem hippen Internetstartup vermitteln könnte, schließlich arbeite ich doch in dem Bereich.

Nein, den Koblenzer ficht Berlin nicht an. Für ihn ist Berlin zu groß (stimmt), zu unübersichtlich (kommt drauf an), zu dreckig (Ja!) und zu weit weg (sechs Stunden mit dem Zug). Und überhaupt: was soll er da? Es gibt keine nennenswerte Landschaft, die gegen Eifel-Hunsrück-Westerwald-Taunus-Rhein-Mosel ankommt,  keinen Karneval, der diesen Namen verdient, und zu viele Ausländer.

Und ich verstehe ihn ja auch ein bisschen, den Koblenzer: er sitzt hier wirklich in einer hübschen Ecke dieses Planeten. Zwar fehlt mir als Berlinerin hier die Vielfalt, die entsteht, wenn Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen zusammenkommen und zusammenleben, zwar staune ich manchmal über den doch sehr deutschen Sinn für Recht und Ordnung (Koblenz ist traditionell eine Beamten- und Soldatenstadt, und das merkt man auch), zwar ist mir ein Leben ohne Karneval   nicht nur vorstellbar sondern auch durchaus lebenswert, aber ich entdecke hier mehr und mehr eben auch Dinge, die mir in Berlin fehlen:
Die allgegenwärtigen Spuren einer sehr weit zurückreichenden Geschichte beispielsweise. Die verschiedenartigen Landschaften. Vernünftiger Wein zu einem angemessenen Preis, jederzeit und überall. Anständige Lebensmittel, vor allem gute Fleisch- und Wurstwaren und frisches Gemüse aus der Region. Gute und preiswerte Restaurants (Nein, das eine schließt das andere *nicht* zwangsläufig aus!).

Okay, Döner können sie hier nicht. Das Bier hingegen ist okay. Wein sowieso. Es gibt Arbeit (5% Arbeitslose im IHK-Bezirk Koblenz im Dezember 2013 gegen 11% in Berlin im gleichen Zeitraum), aber es wird eben auch erwartet, dass man arbeitet. Für Aussteiger und Lebenskünstler ist hier wenig Platz, obwohl es auch in Koblenz einen Kreuzberg gibt (in Ehrenbreitstein). Die Menschen sind generell nett und hilfsbereit, und der Humor ist vom Berliner Witz gar nicht sooo weit entfernt. Die Berliner Direktheit empfinden die meisten Menschen hier allerdings als zu offensiv.

Alles in allem kann man sich als Berliner(in) hier also durchaus wohlfühlen…