Eine Berlinerin in Koblenz

Der durchschnittliche Koblenzer hat mit Berlinern kein Problem. Berlin ist weit weg und eigentlich nur ein Synonym für schlechte Politik (egal, wer regiert). Anders als der Münchner oder der Hamburger hat der Koblenzer keine genetisch verankerte Abneigung gegen Berlin und seine Einwohner.

Aber auch keine Ehrfurcht. Dem Koblenzer ist Berlin egal. Er sitzt gemütlich in traumhafter Landschaft, im UNESCO-Kulturerbe Mittelrheintal, umgeben von Weinbergen – was interessiert ihn Berlin?

Als Berlinerin ist das ganz entspannend, nicht dauernd mit großen Keksaugen betrachtet und mit neiderfüllter Stimme ausgefragt zu werden, welche Clubs denn gerade angesagt sind, wie man es denn anstellt, in Berlin eine Wohnung zu finden und ob ich nicht einen Job in einem hippen Internetstartup vermitteln könnte, schließlich arbeite ich doch in dem Bereich.

Nein, den Koblenzer ficht Berlin nicht an. Für ihn ist Berlin zu groß (stimmt), zu unübersichtlich (kommt drauf an), zu dreckig (Ja!) und zu weit weg (sechs Stunden mit dem Zug). Und überhaupt: was soll er da? Es gibt keine nennenswerte Landschaft, die gegen Eifel-Hunsrück-Westerwald-Taunus-Rhein-Mosel ankommt,  keinen Karneval, der diesen Namen verdient, und zu viele Ausländer.

Und ich verstehe ihn ja auch ein bisschen, den Koblenzer: er sitzt hier wirklich in einer hübschen Ecke dieses Planeten. Zwar fehlt mir als Berlinerin hier die Vielfalt, die entsteht, wenn Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen zusammenkommen und zusammenleben, zwar staune ich manchmal über den doch sehr deutschen Sinn für Recht und Ordnung (Koblenz ist traditionell eine Beamten- und Soldatenstadt, und das merkt man auch), zwar ist mir ein Leben ohne Karneval   nicht nur vorstellbar sondern auch durchaus lebenswert, aber ich entdecke hier mehr und mehr eben auch Dinge, die mir in Berlin fehlen:
Die allgegenwärtigen Spuren einer sehr weit zurückreichenden Geschichte beispielsweise. Die verschiedenartigen Landschaften. Vernünftiger Wein zu einem angemessenen Preis, jederzeit und überall. Anständige Lebensmittel, vor allem gute Fleisch- und Wurstwaren und frisches Gemüse aus der Region. Gute und preiswerte Restaurants (Nein, das eine schließt das andere *nicht* zwangsläufig aus!).

Okay, Döner können sie hier nicht. Das Bier hingegen ist okay. Wein sowieso. Es gibt Arbeit (5% Arbeitslose im IHK-Bezirk Koblenz im Dezember 2013 gegen 11% in Berlin im gleichen Zeitraum), aber es wird eben auch erwartet, dass man arbeitet. Für Aussteiger und Lebenskünstler ist hier wenig Platz, obwohl es auch in Koblenz einen Kreuzberg gibt (in Ehrenbreitstein). Die Menschen sind generell nett und hilfsbereit, und der Humor ist vom Berliner Witz gar nicht sooo weit entfernt. Die Berliner Direktheit empfinden die meisten Menschen hier allerdings als zu offensiv.

Alles in allem kann man sich als Berliner(in) hier also durchaus wohlfühlen…

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